Die Abholzung  des Regenwaldes ist eines der größten Probleme und Herausforderungen unserer Zeit. Aufgrund des benötigten Landes und der immer größeren Nachfrage nach Ressourcen schrumpft der Regenwald täglich – die Auswirkungen auf die dort lebende Bevölkerung und das weltweite Klima werden zunehmend unterschätzt. AMAZONICA möchte den Regenwald für die Menschheit erhalten. Die Redaktion von erdenwelt.net hat ein Interview mit Mascha Kauka von Stiftung AMAZONICA im Februar 2022 geführt.

Über Mascha und die Stiftung AMAZONICA

Mascha aus München war ausgebildete Redakteurin, als sie mit 26 Jahren ihren eigenen Verlag gründete. Sie produzierte 35 Jahre lang hauptsächlich Kinderpublikationen und Kochbücher. Ihr Interesse galt zudem fernen Ländern, die sie gemeinsam mit ihrem Mann Uli auf vielen Expeditionen bereiste.

So kam das Paar 1980 nach Ecuador und hatte dort im Regenwald eine schicksalhafte Begegnung mit der Häuptlingsfamilie des indigenen Volks der Chachi (7.000 Zugehörige). Diese Flussnomaden kannten keine Touristen. Nach anfänglichem Misstrauen öffneten sie sich und baten schließlich Mascha und Uli um Hilfe.

Die Chachi waren in der fatalen Lage, dass der ecuadorianische Staat sie aus ihrem traditionellen Lebensraum aussiedeln wollte, weil er den Wald an Holzgesellschaften verpachtet hatte. Der Häuptlingssohn erklärte: „Ihr müsst unser Land vermessen lassen, dann bekommen wir es vom Staat mit Eigentumstitel und können die Holzgesellschaften rauswerfen. So steht es in der Verfassung. Ihr seid die ersten Weißen, zu denen wir Vertrauen haben. Deshalb müsst ihr uns helfen“.

Auch Mascha und Uli zögerten zunächst. Aber als sie sich in das Abenteuer stürzten, begann eine unglaubliche Entwicklungsgeschichte, die 2022 ihr 40-jähriges Jubiläum feiert.

Inzwischen arbeiten ein Verein, eine Stiftung und eine gemeinnützige GmbH unter dem Dach des Namens AMAZONICA in ganz Ecuador: Küste – Hochland – Amazonasregion. Und natürlich haben die Chachi schon längst ihr Land zum Eigentum erhalten.

Die Spezialität von AMAZONICA: es werden alle Lebensbereiche bedient, die für eine Zielgruppe wichtig sind, und die Organisationen arbeiten ausschließlich abseits des Straßennetzes. Schwerpunkte liegen auf den Themen: Bildung (Schulbildung, Berufsausbildung, Stipendien), Gemeindeentwicklung (Versorgung mit Trinkwasser und Solarstrom, Müllentsorgung, Komposttoiletten, Bau von öffentlichen Einrichtungen, Konfliktlösungen: Jung gegen Alt, Unterdrückung der Frauen), medizinische Versorgung, Sanitätsstationen, Gemüseanbau und Kleintierhaltung zur Selbstversorgung, Pflege der indigenen Kultur, Naturschutz, Aufbau von gemeindebasiertem Tourismus.

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Wieso wird der Regenwald abgeholzt?

Wegen des Landes, auf dem er steht, wegen der Bodenschätze und wegen seiner Hölzer. Also hauptsächlich aus wirtschaftlichen Interessen und wegen der Bevölkerungsexplosion. Dazu kommen Unwissenheit und Korruption.

Wie kann man die Abholzung stoppen?

„Stoppen“ ist in Anbetracht der demographischen Realität und der Gier der Menschheit nicht mehr möglich. Mit Glück können wir das weltweite Abholzen entschleunigen und möglichst viele Naturschutzgebiete schaffen.
Wo die Waldregionen indigenen Völkern gehören, müssen wir mit diesen im gemeinsamen Interesse zusammenarbeiten. Auf Augenhöhe und mit der Jugend der Welt. Darauf setzt AMAZONICA erfolgreich mit ihrer Akademie für die Waldbewohner und für internationale Studierende.

Wann wird es den Regenwald Studien zufolge nicht mehr geben?

Wir müssen unterscheiden zwischen „Urwald/Primärwald“ mit der ursprünglichen Artenvielfalt und „Sekundärwald“, dem armseligen Nachfolger, wenn der Primärwald ausgeplündert oder ganz vernichtet wurde. Intakten Urwald wird es bis zum Ende dieses Jahrhunderts „in freier Wildbahn“ nicht mehr geben. Nur noch als geschützte Waldinseln, als Reservate. Und das für immer! Einmal zerstört, kann ursprünglicher Regenwald flächendeckend erst am Ende der Menschheitsgeschichte wieder entstehen.

Was macht die Politik gegen die Abholzung des Regenwaldes?

Wenig bis nichts. Ganz im Gegenteil: fast alle Regierungen in Ländern mit Regenwald tragen eher zur Zerstörung des eigenen Regenwaldes bei. Und selbst die UNO gibt ein trauriges Beispiel mit ihrem REDD-Programm oder den fatalen Fehlern im Kyoto-Protokoll. Gut gemeint ist nicht gut gemacht. Man fragt sich wirklich, ob die Politik eher ignorant oder doch so perfide ist. Korruption spielt jedenfalls eine große Rolle.

Welche Folgen der Abholzung sind jetzt schon spürbar?

abholzung-regenwald

Mascha ist seit über 40 Jahren durchgehend in verschiedenen Regenwäldern tätig. Die Folgen der Abholzung und anderer Umweltfrevel sind vor Ort sehr schnell feststellbar. Worüber die Welt sich heute erregt, war Aktivisten schon in den 80er Jahren klar. Es geht um:

Temperaturanstieg, Wasserverlust, Austrocknung, Verkarstung, Klimawandel. Zerstörung der Ökosysteme, Sterben von Tieren und Pflanzen, stündliches Auslöschen von Arten, Zerstörung von Lebensraum, Vernichtung von Kultur und Wissen, Vertreibung ganzer Völker, Migrationsprobleme, Hunger. Das alles und im Detail noch Vieles mehr konnte ich in nur 20 Jahren persönlich feststellen.

„Abholzung“ ist dabei nur das Schlagwort, aber primär geht es nicht um das „Holz“, um die Bäume als Rohstoff. Es geht um alles. Jeder Baum im Regenwald ist eine Familie, ein Haus mit Hunderten, sogar Tausenden von Bewohnern und Besuchern, ein Mikrokosmos, der Luft, Erde und Wasser verbindet und allen Nahrung und Schutz bietet. Einen Urwaldriesen zu fällen, ist ein Verbrechen an Mensch und Natur.

Gibt es einen „Schuldigen“ für die aktuelle Situation?

Ja! Angesichts der Globalisierung, der Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten sind in den Industrienationen alle schuldig. In den Entwicklungs- und Schwellenländern trifft die Schuld eindeutig die nationalen Regierungen und herrschenden Klassen, die Kirchen, die internationalen Konzerne und staatliche Entwicklungshilfe aus den industrialisierten Ländern.

Welche Erfolge konntet ihr mit eurer Stiftung bereits erzielen und was steht noch an?

40 Jahre Arbeit bedeuten etwa 200 große und kleine Einzelprojekte bei sieben indigenen Völkern in allen in der Einführung genannten Bereichen, also zigtausend Menschen, die uns eingeladen hatten, um Unterstützung baten und heute auf einem guten Weg sind.

  • Highlights waren die rechtliche Sicherung indigener Siedlungsräume
  • Die bis heute einzige erfolgreiche Malariakampagne in 112 Dörfern gleichzeitig
  • Die Schaffung von zwei flächendeckenden medizinischen Infrastrukturen
  • Die Auflösung eines Slums in der Hauptstadt und die Rückkehr Tausender Bergbauern auf ihre Felder
  • Wiederbelebung indigener Kultur
  • Die ersten Hochschulabschlüsse für Frauen
  • Erste eigene rein indigene Unternehmen
  • Die erste Urwald-Akademie
  • Das erste gemeindebasierte Tourismusnetzwerk.

Zu unserem 40-jährigen Jubiläum dürfen wir relativ zufrieden und mit etwas Stolz zurückblicken. Von den unzähligen Projekten konnten nur zwei nicht abgeschlossen werden, weil die Partner interne Probleme hatten.
Alle anderen wurden erfolgreich und im gegenseitigen Einvernehmen beendet und tragen nachweislich bis heute Früchte. Wir haben uns jeweils als Projektpartner verabschiedet, sind aber Freunde geblieben und besuchen uns gegenseitig.

Empfehlung: Maschas aufgezeichnete Webinare in der VIDEOTHEK der Website. Sie nutzte die Pandemie, um das historische Material zusammenzutragen und zu gliedern. Dort findet ihr absolut alles mit Hunderten von Bildern und mehreren Videos.

Welche aktuellen Projekte hat die Stiftung?

AMAZONICA möchte den Regenwald für die Menschheit erhalten.
Dazu arbeiten wir mit indigenen Völkern an innovativen Lösungen. Somit trägt auch unser Pilotprojekt den Titel: „Schutz des tropischen Regenwalds durch Förderung seiner Ureinwohner“.

Dieses Gesamtkonzept verfolgen wir seit den 80er Jahren. Es gibt also keine völlig neuen Projekte sondern aktuelle Varianten bereits erprobter Initiativen. Und natürlich wachsen wir, es kommen neue Dorfgemeinschaften und Regionen hinzu.

Wir erkannten frühzeitig, dass intakter Regenwald dort am ehesten überlebt, wo er indigenen Völkern mit staatlichem Landtitel gehört, abseits des Straßennetzes liegt und wo die Einwohner wirtschaftliche Alternativen zum Holzhandel und zur Landflucht bekommen.
Diese Voraussetzungen sind auf den indigenen Territorien Ecuadors gegeben. Sehr sanfter nachhaltiger Tourismus auf Gemeindebasis ist die beste Alternative, eine Einkommen schaffende Maßnahme, die vielen Menschen Arbeit gibt, für die wir sie ausbilden. Und der Wald bleibt stehen, weil die Besucher kommen (und zahlen), um intakten Regenwald zu erleben.

AMAZONICA ist es gelungen, dass zwei Nachbarvölker (Achuar und Shuar), die sich nie grün waren, mit der Akademie einen Vertrag schlossen. Sie wollen auf ihren Territorien und unter eigener Verwaltung das erste indigene Tourismusnetzwerk schaffen. AMAZONICA berät, bildet aus und unterstützt die nötigen baulichen Infrastrukturen. Das wird uns noch viele Jahre beschäftigen.
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Auf Facebook  unter der Seite www.amazonica.org.